Im Schatten einer fremden Armee
Über Freiheit, einen Baum und meine Kindheit unter Besatzung, und warum daraus Projekt Phoenix wurde.
Vorbemerkung
Projekt Phoenix handelt von Strukturen, nicht von mir. Dies ist die Ausnahme, und sie bleibt es. Wer über Krieg und Krise schreibt, muss damit rechnen, für einen gehalten zu werden, der den Konflikt herbeiredet. Bevor das geschieht, lege ich einmal offen, woher ich komme und warum ich das tue. Danach kehren wir zu den Systemen zurück.
Der falsche Baum
Im Kindergarten bekamen wir die Aufgabe, einen Baum zu malen. In Eberswalde sind fast alle Bäume Kiefern und Fichten, endlose Monokulturen. Alle Kinder malten dasselbe: einen dünnen braunen Strich, ein grünes Dreieck obendrauf. Ich malte die “Krause Eiche”, einen mindestens dreihundert Jahre alten Baum auf einer Lichtung, verwachsen, als wäre er einem Märchen entsprungen. Ich hatte ihn auf den Waldgängen mit meinem Onkel dem Förster gesehen, und er war mir sofort eingefallen, weil er aus allem heraussticht.
Die Erzieherin zog mir das Blatt unter dem Pinsel weg, hielt es hoch und sagte: Schaut mal alle her, was Marco hier malt. Das ist doch kein Baum. Dann trug sie mein Blatt in die Nachbargruppe und zeigte es auch dort herum. Es war kein Lob. Es war eine Lektion, an alle gerichtet: So wird behandelt, wer sich nicht einfügt. Verhalte dich lieber uniform.
Ich habe diese Lektion nie gelernt. Ich male bis heute den falschen Baum. Phoenix ist nichts anderes.
Eine Kindheit unter Besatzung
Aufgewachsen bin ich in Eberswalde (Brandenburg), einer Stadt mit rund fünfzigtausend Einwohnern, in der ungefähr ebenso viele Sowjetbürger lebten wie Deutsche. Allein der Stab der 20. Garde-Armee zählte Tausende, im Umland standen an die dreißigtausend Soldaten. Fünf Kilometer Luftlinie entfernt lag der Militärflugplatz Finow. Wenn die MiG starteten und den Nachbrenner zündeten, klapperten bei uns die Scheiben. Über unserem Viertel übten sie den Luftkampf (Dogfights), so tief, dass ich als Kind glaubte, die Flugzeuge berühren zu können. Ich war fasziniert. Heute, als Vater, weiß ich, welche Ängste meine Eltern dabei ausgestanden haben.
Eine Geschichte, die man sich bei uns erzählte, habe ich nie vergessen. Zwei Soldaten der sowjetischen Armee sollen desertiert sein und sich in einer Dorfkneipe bei einem Bier von der Flucht ausgeruht haben. Ein Offiziersjeep fuhr vor, vier Offiziere stürmten die Kneipe, es kam zur Prügelei, die beiden entkamen erneut und versteckten sich ein paar Höfe weiter bei einem Bauern in der Scheune. Die Offiziere verfolgten sie und forderten sie auf, herauszukommen. Als die Soldaten sich weigerten, zahlten sie dem Bauern Schweigegeld, orderten einen Panzer und ließen die Scheune als Exempel bis auf die Grundmauern zusammenschießen. Ob diese Geschichte stimmt, weiß ich bis heute nicht. Geprägt hat sie mich trotzdem, und vielleicht sagt gerade das genug über die Zeit, in der ich aufwuchs: dass man so etwas für möglich hielt.
Wir waren Ernst-Thälmann-Pioniere. Es gab Fahnenappelle auf dem Schulhof, Reden über den Frieden und den Sieg des Sozialismus, weiße und blaue Hemden, rote Halstücher. Es sah aus wie auf einem Kasernenhof. Draußen führten die Kinder der Besatzer mit uns Krieg um den Spielplatz, Wachhunde der Armee streunten umher, Panzerfahrzeuge gehörten zum Straßenbild. Man redete vom Frieden und meinte die Uniform.
Wie ernst diese Uniform genommen wurde, lernte ich an einem Mitschüler. Jens K., dritte Klasse, auffällig, schwieriges Elternhaus, schnell mit den Fäusten. An einem Pioniernachmittag wurden wir alle auf dem Schulhof zusammengeholt. In der Mitte stand Jens. Vor versammelter Mannschaft nahm man ihm das Halstuch ab und schnitt ihm mit einer Schere das Emblem vom Ärmel. Er wurde aus dem Kreis ausgestoßen, sichtbar für alle, damit jeder denken sollte: Das soll mir bloß nicht passieren. Wer es einmal gesehen hat, vergisst es nicht.
Die Wende und die Extreme
Dann kam die Wende, und die Besatzer zogen ab. Ich sah Tränen bei ihnen. Sie hatten Angst, sie wollten nicht zurück. Aus den noch jungen Neubaublöcken, die meine Mutter als Bauingenieurin selbst projektiert hatte und auf deren Baustellen ich als Kind mitgelaufen war, rissen die Soldaten alles heraus, was sich abbauen ließ. Badewannen, Waschbecken, Fenster, alles ging mit nach Osten, weil sie dort nichts hatten. An einer Bushaltestelle sah ich in den letzten Tagen des Abzugs einen Offizier vor einem Wohnblock auf und ab gehen, angespannt. Plötzlich brüllte er, und in den Fenstern der ersten drei Etagen erschienen Soldaten, standen stramm, salutierten. Ein zweiter Befehl, und sie sprangen aus den Fenstern, sammelten sich in Reih und Glied, ein dritter, und sie marschierten zu den Lastwagen und fuhren davon. Ich stand mit offenem Mund daneben. So sieht Disziplin aus, wenn sie den Menschen nicht mehr fragt.
Was nach der Wende kam, war nicht die Freiheit, die ich erwartet hatte. Wo vorher ein erzwungenes Wir geherrscht hatte, kippte die Gesellschaft in die Extreme, schlimmer als heute. Rechts gegen links. Wir Jugendlichen trugen Farben, Blau für rechts, Rot für links, Gelb oder gar nichts für die, die neutral bleiben wollten und dafür von beiden Seiten angegriffen wurden. In Eberswalde wurde Amadeu Antonio Kiowa von einem rechten Mob zu Tode geprügelt, er gilt als das erste Todesopfer rechtsextremer Gewalt nach der Wiedervereinigung. Asylbewerberheime brannten. Man sprach von national befreiten Zonen. Ich verstand schon damals nicht, wie man sich so verlieren kann, und ich lernte, dass jede Seite überzeugt war, die Wahrheit gepachtet zu haben, und alle anderen für Idioten hielt. Spätestens da wusste ich: Extreme bringen weder einen Menschen noch eine Gesellschaft weiter. Ich entzog mich der Politik.
Freiheit und Stärke
Meine Neugier galt ohnehin der Natur, der Wissenschaft, dem Motorsport, der Kampfkunst. Die Neunziger waren für mich der Werbellinsee, ein Dauerstellplatz für den Wohnwagen, das Zelten, mein eigenes Reich aus Geräuschen der Natur. Ich verschlang jede Tierdokumentation, Sielmann und Cousteau waren meine Vorbilder, die Grenzen waren offen, die Freiheit war mit Händen zu greifen. Dort lernte ich die Frau kennen, mit der ich meine Familie gegründet habe. Manchmal musste ich mit dem Rad schnell durch eine dieser national befreiten Zonen, ein Langhaariger mit Indianerschmuck, in der Schule Manitou genannt. Ein paarmal jagten sie mich mit Baseballschläger und Kette, weil ich für sie ein langhaariger Bombenleger war. Mein Rad war zum Glück immer schneller. Meine Haare waren keine politische Aussage, sondern Kultur. Aber ich habe an diesen Tagen am eigenen Leib gelernt, dass Freiheit und Individualität nichts Selbstverständliches sind. Sie sind das, was es zu verteidigen gilt. Auf gesellschaftlicher Ebene gibt es für mich kaum etwas, das ebenso wichtig wäre.
Die Faszination für Technik kommt von zu Hause. Mein Vater ist Schlossermeister, wartete große Maschinen, hatte bei der NVA als Pionier auf einem Tatra-Kran gesessen und erzählte mit Stolz davon, und baute sich aus zusammengesuchten Ersatzteilen seinen eigenen Traktor. Von ihm habe ich die Begeisterung für alles, was mit einem Verbrennungsmotor läuft.
Wie nah Stärke und Individualität für mich beieinanderliegen, zeigte sich bei der Musterung, ein, zwei Jahre vor dem Abitur. Ich war angetan von der Idee, zur Bundeswehr zu gehen, wegen der Technik, aus meiner Kindheit heraus. Aber meine Haare, das sichtbarste Zeichen meiner Eigenart, wollte ich nicht hergeben, und so diskutierte ich schon am Empfang, ob das wirklich sein müsse. Ausgemustert wurde ich am Ende wegen einer Lappalie, wegen Augentropfen, die ich regelmäßig brauche. Damals suchte man jeden Grund. Geblieben ist die Erkenntnis: Ich respektiere Stärke und Technik, und ich gebe trotzdem nicht auf, der zu sein, der ich bin. Beides zugleich. Das ist kein Widerspruch.
Das Thema ließ mich trotzdem nie los. Schon als Junge baute ich Modellflugzeuge und Modellpanzer, ich stand auf Flugshows und sah den Maschinen nach, wie ich es als Kind über Eberswalde getan hatte. Ich las Bücher über Kriege und ihre Technik, verschlang Dokumentationen, besuchte Museen, die dieses Feld ernst nehmen. Ohne je eine Uniform getragen zu haben, habe ich mir über Jahrzehnte ein Verständnis für Militär, für Waffensysteme und für die Logik dahinter angeeignet, und ich erweitere es bis heute. Was 2022 begann, war nicht der Anfang dieser Beschäftigung. Es war der Moment, in dem sie eine Aufgabe bekam.
Vom Idealisten zum Systemdenker
Studiert habe ich Biologie, Zoologie in Tübingen, dazu Pflanzenphysiologie und Geoökologie. Ich kam als Idealist, der die Welt retten wollte. Ich erinnerte mich an die Schornsteine der achtziger Jahre, die rund um die Uhr tiefschwarz qualmten, und brauchte kein Studium für die Einsicht, dass sich dieser Qualm nicht in Luft auflöst, sondern in uns. Im Studium verlor ich mein Ziel zunächst aus den Augen, vertiefte mich in Evolutionstheorie und vergleichende Anatomie, hochtheoretisch, faszinierend, ohne praktischen Boden. Die Basis für mein systemisches Denken. Erst das Umweltmanagement in Hohenheim brachte mich zurück in die wirkliche Welt. Dort begriff ich, was mich bis heute trägt: Eine technische Tatsache ist nichts wert, solange man sie nicht weiterdenkt, bis zu der Frage, wer am Ende von wem abhängt.
Den Rest erledigte das Leben. Im letzten Studienjahr drehten mir meine Eltern von einem Monat auf den anderen den Geldhahn zu, damit ich endlich fertig würde. Ich hatte längst drei Kinder. Ich suchte einen Job, landete eher zufällig im Vertrieb und merkte zum ersten Mal, dass ich etwas bewegen konnte. So begann mein Leben als Business Developer.
In der Wirtschaftskrise 2008 lernte ich die Lektion, die mich seitdem trägt: Es gibt immer einen Ausweg. Während um mich herum die Umsätze einbrachen, stiegen meine. Fünfzehn Jahre lang war ich auf allen Ebenen unterwegs, von der Schrauberwerkstatt eines Automobilzulieferers über die Produktionshallen, in denen Hochleistungslinsen für die Lithografie entstehen, und die Entwicklungsbüros für Satelliten, die heute über uns kreisen, bis in die Vorstandsetagen großer, bekannter Konzerne. Ich habe gelernt, mit dem Mechaniker an der Hebebühne dieselbe Sprache zu sprechen wie mit dem Vorstand. Und ich habe gesehen, dass die entscheidenden Probleme auf jeder Ebene dieselben sind.
Dann kam ein Bruch im Privaten, eine Scheidung, und mit ihr das Eingeständnis, dass ich für den Vertrieb ausgebrannt war. Ich wollte wieder etwas tun, das mich begeistert, etwas mit den Händen. Also begann ich eine Lehre zum Kfz-Mechatroniker. Ich zerlegte Autos bis in jedes Bauteil und setzte sie wieder zusammen. Ich lernte durch Begreifen, im Wortsinn. Was ich im Studium über Systeme und Subsysteme gelernt hatte, fand ich an der Hebebühne wieder: sich Schicht für Schicht vorarbeiten, bis sichtbar wird, woran etwas hängt. Es ist dieselbe Bewegung, die ich heute bei Phoenix mache, nur am offenen Motor statt an der Lieferkette.
Warum daraus Projekt Phoenix wurde
Dann, im Februar 2022, begann der Krieg in der Ukraine. Mit einem Mal fügte sich alles zusammen, was mich geprägt hatte: die fremde Armee meiner Kindheit, die Friedensappelle und die Panzer, die Geschichten der alten Männer im Krankenhaus, die Frage, was eine Struktur wirklich trägt, wenn der Druck steigt. Was ich dabei empfand, war kein diffuses Unbehagen. Es war Angst. Angst, wieder eingeholt zu werden von dem, dem wir entkommen waren. Angst, dass meine Kinder eines Tages so unfrei leben und denken müssen, wie ich es als Kind erlebt habe, und wie es vielen Menschen in Russland heute wieder ergeht. Aus dieser Angst wurde Arbeit. So entstand Projekt Phoenix.
Ich bin in der DDR groß geworden, im Schatten einer fremden Armee, zwischen Friedensappellen und Panzern. Ich habe gesehen, was Unterdrückung mit Menschen macht und was Extreme mit einer Gesellschaft. Ich habe von alten Männern im Krankenhaus gehört, wie sie als Kinder durch überflutete U-Bahn-Schächte tauchten, zwischen Leichen, um Fahrradteile gegen Lebensmittel zu tauschen. Krieg ist für mich nie ein Abstraktum gewesen.
Im Studium las ich Sun Tzu. Sein Gedanke, dass der höchste Sieg der ist, der ohne Schlacht gelingt, deckt sich mit allem, was ich für richtig halte. Genau deshalb bin ich kein Kriegstreiber. Ich bin das Gegenteil. Ich schreibe die Notstände auf, damit sie nicht eintreten. Ich bin überzeugt, dass Stärke und Resilienz die wirksamsten Mittel sind, um eine Auseinandersetzung gar nicht erst entstehen zu lassen. Frieden durch Stärke, nicht als Parole, sondern als Architektur. Stärke nicht als Selbstzweck, sondern um das zu schützen, was zählt: Freiheit und Individualität. Für meine Kinder, für meine Enkel, dafür, dass sie in demselben Frieden aufwachsen können, den ich als Kind trotz allem erleben durfte.
Ich male immer noch den falschen Baum. Ich bin überzeugt, das ist der einzige, der stimmt.
Marco Woldt



